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Ich wollte leben wie die Götter

– Was in Deutschland aus meinen afrikanischen Träumen wurde



Ibraimo Alberto, Kiepenheuer&Witsch, Köln, 2014, 252 Seiten, 14,99 €


Das Buch ist spannend von der ersten bis zur letzten Zeile. Der Bogen, den Alberto hier spannt, geht sozusagen vom Mittelalter in die Neuzeit: Vom Geisterglauben und Sklavendasein im Dschungel Mosambiks, über den Sozialismus der DDR, über das Verfolgtsein unter dem Neo-Nationalsozialismus zum Leben im „innerdeutschen Asyl“ in Karlsruhe. Geschickt werden hier die Berichte aus der Vergangenheit mit einer Afrika-Reise zu seinen Wurzeln in der Gegenwart nicht nur miteinander abgewechselt, sondern miteinander in Beziehung gesetzt. Das Buch ist hochinteressant unter ganz verschiedenen Gesichtspunkten:

Wie oft Ibraimo Alberto dem Tod von der Schippe gesprungen ist, lässt sich gar nicht mehr zählen: Als Kind musste er miterleben, wie ein Freund von ihm vor seinen Augen von einem Krokodil gepackt und ins Wasser gezogen wurde. Er stand einem ausgewachsenen Löwen gegenüber. Später berichtet er, dass er – der er die Begegnungen mit wilden Raubtieren im Dschungel überlebt hatte – die Begegnungen mit den Rechtsradikalen von Ostdeutschland beinahe nicht überlebt hätte.

Als Schüler in Afrika erlebt er ein Massaker, wo Weiße mit Hubschraubern neben einer abgelegenen Schule landen, nur um die Schüler niederzumetzeln. Auch hier entgeht er dem Tode nur um Haaresbreite. Der Bruch, den dieses traumatische Erlebnis in seinem Gefühlsleben bedeutete, bleibt auch später in seinen Berichten spürbar: Bis dahin war es für ihn ein hohes Ideal, „so zu leben wie die Götter“ – wie die weißen Herren im Lande, die nicht schuften mussten und nicht herumschrien, die nicht umher rannten, sondern ruhigen und gemessenen Schrittes durch das Leben gingen. Nun erfuhr er deren bestialische Grausamkeit, die ebenso ohne Gefühle vonstatten ging – ohne Geschrei und Emotionen, kalt und effektiv. Sie fanden sogar noch Zeit, die Kinderköpfe auf einen Haufen aufzuschichten.

Das Buch ist erschütternd in dem Bild, wie „der weiße Mann“ sich im Erleben eines Farbigen darstellt. Ich werde erinnert an den Film „Avatar“, wo die „zivilisierten“ Invasoren sich als die wahren Barbaren herausstellen, während „die Eingeborenen“ einer hohen Kultur mit einem hohen Ehrenkodex folgen, im Einklang mit der Natur.

„Der weiße Mann“ wird von Ibraimo Alberto als Kind zunächst als der „Patron“ erlebt, der vollkommen skrupellos die Arbeitskraft der einheimischen Bevölkerung ausbeutet, sich deren Frauen nimmt nach Lust und Laune und unliebsame „Leibeigene“ einfach erschießt. Der junge Ibraimo bewirbt sich bei Farmern in der Umgebung, um zur Schule gehen zu können. Auch dort wird seine Arbeitskraft hemmungslos ausgebeutet, ohne ihm die geringste Fürsorge zukommen zu lassen. Dass er dabei zur Schule gehen darf, ist nur seiner eigenen Hartnäckigkeit zu verdanken.

Erschütternd ist für mich auch, dass am Ende der Kolonialzeit in Mosambik, 1975, die Portugiesen bei ihrem Abzug so viel wie möglich von der Infrastruktur zerstört haben – was sind das für Menschen? Sie haben deutlich gezeigt, dass sie das Land, in dem sie so lange gelebt haben, nicht geliebt haben.

Als 18jähriger darf Ibraimo Alberto in der DDR studieren – so wird ihm jedenfalls vorgegaukelt. Gleich nach der Landung in der DDR wird ihm sein Pass abgenommen, und er ist gezwungen, in einem Fleischkombinat als Metzger zu arbeiten. Das sind Methoden der übelsten Menschenschlepperbanden. Genau genommen sind die Organisatoren, die noch heute frei unter uns herumlaufen, als Schwerverbrecher zu bezeichnen. Auch in Deutschland wurde Alberto zunächst einmal als Sklave behandelt.

Was ihn seelisch rettet, ist die Möglichkeit, in seiner Freizeit Sport zu treiben: Fußball zu spielen und zu boxen. Mit einer unglaublichen Energie organisiert er Fußballturniere und erkennt sehr bald deren integrative Kraft für seine Leidensgenossen. Für seine sportliche Karriere entscheidet er sich für das Boxen und erfährt dabei erste Anerkennung.

Berührend ist, wie Alberto trotz der unglaublichen Vorerfahrungen niemals in ein blindes Pauschalurteil gegenüber „den Weißen“ verfällt. Er bewahrt sich die Dankbarkeit für jede kleine Geste, die ihm auf seinem harten Weg geholfen hat. Er schließt Freundschaften in Deutschland, er findet die wärmsten Worte für seine sportlichen Trainer und heiratet schließlich eine Deutsche. Die Ehe scheitert unter dem Druck der rassistischen Übergriffe in Ostdeutschland. Zu spät erkennt Alberto, dass sein Engagement als Ausländerbeauftragter in Schwedt ein Kampf gegen Windmühlenflügel ist und dass seine eigene Familie wichtiger sein muss.

Hochinteressant ist das Buch nicht zuletzt durch seine Schilderung einer afrikanischen Spiritualität. Für ihn ist Afrika noch immer das Land, in dem die Verbindung zu den geistigen Welten lebendig ist, während sie im industrialisierten Europa tot ist. Dass es in Europa Autoren gibt wie Swedenborg, die aus dieser Verbindung geschöpft haben, fällt hier verständlicherweise nicht ins Gewicht. Denn wo wird in Europa eine christliche Spiritualität, die die jenseitigen Welt miteinbezieht, wirklich gelebt? Hier legt Alberto einen Finger in eine Wunde, die eigentlich unwillkürlich im ganzen Buch thematisiert wird:

Das „christliche“ Europa lebt sein Christentum nicht: weder im mitmenschlichen Umgang, noch in einer mystischen Spiritualität.



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